Jahreszeiten
Welche die schönste der Jahreszeiten ist, ist eine schwierig zu beantwortende Frage. 
Entscheiden Sie selbst:
Frühling
Im Laufe des April beginnt die Sonne zu wärmen, und die Temperaturen sinken nur noch
nachts unter den Gefrierpunkt. Noch ist der Fluss gefroren und trägt die Fischer, die täg-
lich ihre Netze kontrollieren, doch der tauende Schnee überschwemmt das Eis schon mit
Wasserlachen. Überall plätschert und rinnt es, bis der Wasserspiegel von Tungir und Oljok-
ma steigt und die starre Eisdecke der Flüsse grobe Sprünge bekommt. Anfang Mai setzt
sie sich langsam in Bewegung; große Verbände schieben sich vorwärts, bis sie schließlich
in kleinere Schollen zerbrechen. Sie sinken relativ plötzlich ins Wasser und verursachen
eine Hochwasserwelle, die sich rasch wieder verläuft, aber dicke Eisschollen übereinander-
gestapelt an den Ufern stranden lässt. Viele von ihnen haben die Reinheit des Winters be-
wahrt und leuchten wie riesige Aquamarine in unberührtem, hellen Blau aus dem Chaos
hervor. Unablässig und tagelang schwimmt das in der Sonne weiß strahlende Eis in schnel-
lem Tempo den Fluss hinab, dessen Wasser von all dem hineingespültem Erdreich braun
und schmutzig ist.
Mitte Mai beginnen die zahllosen Lärchen mit ihren noch winzigen, feinen, grünen Nadeln
die Umgebung in einen hellgrünen Schimmer zu hüllen, der täglich intensiver wird, bis sie
in ihrer vollen Frühlingspracht einen herrlichen Anblick bieten. Auch die Birken treiben aus
und wiegen bald nach den Lärchen ihre Blättchen im Frühlingswind. Unablässig ruft der
Kuckuck, und in den sumpfigen Wiesen blühen buttergelbe Blumen in dicken Büscheln.
Ende Mai ist für den Bogulnik die Zeit gekommen, seine vielen pinkfarbenen Blüten zu
öffnen. Seine Sträucher bilden farbige Inseln im Wald und entlang der Ufer vor dem inten-
siven Hellgrün der Lärchen.
In den Felsen blüht der gelbe Mohn und kleine, dem Vergissmeinnicht ähnliche Blümchen
bilden blaue Flächen. Weiß und gelb blühende Sträucher fügen weitere Farbtupfer hinzu.
Und was den Frühling besonders schön macht – es gibt bis etwa Mitte Juni noch keine
Mücken!
Sommer
Ab Ende Juni bis August klettern die Temperaturen oft wochenlang über 30 Grad bei großer
Trockenheit. Es ist eine Erlösung, wenn ein Gewitter endlich Regen sowie kühlere Tempe-
raturen bringt. Dann sitzt man entspannt im Zimmer, hört das Grollen des Donners und das
Trommeln des Regens, blickt befriedigt aus dem Fenster auf die vom Himmel herab strömen-
den Wasserfluten, die plätschernd die leeren Regentonnen füllen. Doch wie man bei anhal-
tender Trockenheit den Regen herbei gesehnt hat, so sehnt man sein Ende herbei, nach-
dem es vielleicht mehrere Tage, ja sogar zwei Wochen lang geregnet hat, die Regentonnen
überlaufen, auch am Tage keine 10 Grad erreicht werden, der Fluss die doppelte Breite er-
reicht und wegen der darin schwimmenden Baumstämme kaum noch befahren werden kann.
Nach dem Regen verbreitet die nun wieder intensiv scheinende Sonne Wärme, die Erde
dampft, und in der warmen, feuchten Witterung schieben sich braune, beige- und orange-
farbene Pilzkappen durch den Waldboden. Die Luft ist staubfrei und gesättigt vom Duft des
Waldes und der Wiesen, und die Umgebung erstrahlt frisch gewaschen in neuem Glanz.
Der blaue Himmel und die weißen Wolken spiegeln sich an Sonnentagen im Fluss, und sein
klares Wasser lädt ein zum Baden. Herrlich ist es, an heißen Tagen seine Glieder von dessen
kaltem, weichem Wasser umschmeicheln zu lassen, sein Dahinströmen über das saubere
Kiesbett und das Spiel der kleinen Fischchen zu beobachten, dem Plätschern und Rauschen
zu lauschen.
An den steinigen, kiesigen Ufern wächst in großen Mengen wilder Schnittlauch, blühen eine
Vielzahl blauer Kuhschellen und pinkfarbener Nelken. In den Flussauen öffnen die in umfang-
reichen Gruppen wachsenden, kräftig blauen Iris ihre Blüten, und an den Waldrändern und
Feuchtwiesen ziehen großblütige, rote Lilien die Blicke auf sich. In der Taiga reifen viele
verschiedene essbare Beeren und und Pilze.
Herbst
Ab September treten die ersten Nachtfröste auf, und obwohl die Tage noch sonnig und
warm sind, beginnt die Natur mit allmählichem Rückzug. Wie im Rausch flammen ihre Far-
ben noch einmal auf, nehmen täglich andere Töne an und betören das menschliche Auge
mit all ihrer Pracht.
Den Anfang der Verwandlung machen die Birken, deren Blätter sich langsam gelb färben
bis sie aus purem Gold zu bestehen scheinen, wenn sie in der Sonne leuchten. An den
Berghängen, die im Frühling und Sommer in unterschiedlichen Grüntönen schattiert sind,
entstehen nun zwischen den Kiefern und Lärchen helle, gelbe Flächen, bis die Birken ihren
Goldschmuck verloren haben und nur noch ihre kahlen, weißen Stämme zu sehen sind.
Orange schimmern die Dolden der Ebereschen in ihrem noch grünen Blattwerk, während
zu ihren Füßen rote Hagebutten reifen. Weiße Dolden trägt ein Strauch, dessen biegsame
Äste und Blätter sich purpurrot gefärbt haben. Dunkelrot glänzen die vielen Preiselbeeren
in ihrem immergrünem Laub, und die Blätter der Sumpfheidelbeeren bilden himbeerrote
Flächen.
Überraschend schnell, innerhalb nur einer Woche, ändert sich die Farbe der Lärchen. Ihr
Grün wird zu einem Grün-gelb, reift immer mehr zu leuchtendem Gelb heran und nimmt dann
bräunliche Töne an. Kurz darauf schon weht der Wind die feinen, braunen Nadeln durch die
Luft, auf dem Wasser sammeln sie sich und schwimmen, Abschied nehmend, als dünne
Teppiche den Fluss hinab.
Weitere essbare Beerenarten und Pilze reifen heran.
Winter
Zuverlässig in den ersten Oktobertagen hält der Winter mit Schneefällen und Temperaturen,
die unter dem Gefrierpunkt liegen, Einzug, doch anfangs klettert das Thermometer am Tage
noch häufig über den Nullpunkt. Noch vor Monatsmitte treiben zunehmend größer werdende,
linsenförmige Eisschollen in der Strömung. Weiß glitzernd in der Morgensonne heben sie sich
ab vom dunkel erscheinenden Wasser. Die Bäume sind dick überzogen mit funkelndem Rau-
reif.
Einige Tage darauf schon ist der Fluss zugefroren. Jetzt beginnt die Eisfischerei mit unter
dem Eis durchgezogenen Netzen.
Die Jäger brechen auf zur Pelztierjagd in ihre Jagdreviere. Auf ihren Schneemobilen brausen
sie, die Pelzschapkas in die Stirn gedrückt, durch den feinen, stiebenden Schnee, die ange-
hängten Schlitten beladen mit Benzin, Gerätschaften, den Hunden und Lebensmitteln für
einen größeren Zeitraum.
In Deutschland fragt man mich oft, ob der Winter hier denn nicht schrecklich sei – kalt,
dunkel und lange anhaltend. Doch so ist es nicht. Ich erlebe den Winter als majestätischen,
strahlenden Eiskönig. Sein im Licht funkelndes Zepter ist geschliffen aus dem Eis der Flüsse,
zu seinen Füßen breitet sich eine makellos weiße, sich endlos dehnende Schneedecke aus
und sein Haupt badet vor dem weiten, blauen Himmel in der hellen Sonne, manchmal ver-
hüllt von dicht wirbelndem Schnee. Bei alledem darf man niemals vergessen, dass er ein
kalter, gnadenloser Herrscher ist, der keine Fehler verzeiht, sondern sie mit Tod oder Kör-
perschäden bestraft.
In den Häusern verbreiten die Holzfeuer in den großen Öfen behagliche Wärme.
Wegen der kurzen Tage ist es im Dezember und Januar am kältesten; einmal wurden in der
meteorologischen Station Srednjaja Oljokmas minus 56 Grad gemessen. Gewöhnlich fallen
die Temperaturen nachts aber selten unter minus 45 Grad, und am Tage ist es meistens
nicht kälter als minus 35 Grad. Die Tage sind etwas kürzer als zum Beispiel in Hamburg, das
nur knapp zwei Breitengrade, etwa 210 Kilometer, südlicher liegt als Srednjaja Oljokma.
Nicht die nördlichere Lage, sondern das hier herrschende Kontinentalklima ist verantwort-
lich für die extremen Temperaturen.
Trotz der Kälte ist der Winter eine wundervolle Jahreszeit. Ich habe nicht das Gefühl, dass
die Natur erstarrt ist, sondern alles lebt lediglich auf eine andere Weise.
Hat man am Morgen beim Blick auf das Thermometer noch gesagt: „Kalt heute“, vergisst
man fast die Kälte, wenn die Umgebung unter blauem Himmel in Sonnenschein getaucht ist.
Keine blässliche, fade Wintersonne, sondern eine klare, strahlende Sonne beleuchtet die
von Eis und Schnee bedeckten Konturen der Landschaft und mildert im Laufe des Tages
die strengen Temperaturen.
Auf den ersten Blick meint man, von den Farben seien nur noch Weiß und Grautöne übrig
geblieben, ab und zu vom stumpfen Grün der Kiefern unterbrochen, doch dann entdeckt
man, dass das Licht ein Wunder vollbringt. Nach langer Nacht beginnt der Himmel sich rosa
zu färben mit ins Gelbliche spielenden Tönen, wird immer heller, bis schließlich die ersten
Sonnenstrahlen über die Hügelkette im Südosten blitzen und die Sonne schräge Finger über
den Schnee schickt.
Entschwindet die Sonne hinter den Höhenzügen dem Blick, wird es zwar sofort spürbar käl-
ter, doch ihr Licht begleitet uns noch eine Zeitlang. Die Wolkenschleier am Himmel nehmen
rosafarbene, hellviolette und grauviolette Töne an vor einem manchmal hellblau oder hell-
türkis verblassenden Himmel, bis sich auch dieser zartviolett färbt, während sich die Linie
der bewaldeten Hügelketten dunkelviolett vom Himmel abgrenzt. Diese Farben veränderten
sich ständig, bis die Dunkelheit siegt und bei klarem Himmel die Sterne hervortreten, die
Milchstraße und vertraute Sternbilder erscheinen. Manchmal taucht der Vollmond die Um-
gebung in helles Licht, reflektiert vom makellos weißem Schnee.
Mit Beginn des Winters versinkt das Dorf in völlige Abgeschiedenheit, während vorher ein-
mal monatlich das Postboot verkehrte und hin und wieder Boote mit Besuchern aus Tupik
oder Ust-Njuksha ankamen. Unmerklich gewöhnt man sich daran, immer nur den gleichen
Gesichtern zu begegnen und keinen Außenreizen ausgesetzt zu sein.
Mit den längeren Tagen gehen mildere Temperaturen einher, die im März/April das Eisangeln
ermöglichen, weil die Löcher und mit ihr die Angelsehnen nicht sofort einfrieren.
In der Aprilsonne beginnt das Zepter des Eiskönigs zu schmelzen, seine Füße verlieren den
Halt im zerrinnenden Schnee und allmählich löst er sich auf, bis nur noch die Erinnerung
bleibt.
[Startseite] [Wir Ã¼ber uns] [Dorf und Umgebung] [Unterkunft im Dorf] [Ausflugsangebote] [An- und Abreise] [Reiseorganisation] [Ausrüstung] [Jahreszeiten] [Fotos] [Neuansiedler] [Kontakte] [Buch/Fotos/Videofilm] [Impressum]